Avatar-Projekt in der München Klinik: Trotz Krebs­behandlung im Unterricht

21. Oktober 2021
Ein Beitrag von Dr. Stefan Döring

Für die meisten Kinder und Jugendlichen bildet die Schule das wichtigste soziale Umfeld. Da erleben sie es als sehr belastend, wenn sie die Schule nicht besuchen können, etwa weil sie sich wegen einer Krebsbehandlung isolieren müssen. Wie den Anschluss zu den anderen Schülerinnen und Schüler nicht verlieren und den Kontakt zur Klassengemeinschaft halten? Im einem Projekt erprobt die Kinderklinik München Schwabing nun eine digitale Form der Teilhabe per Avatar.

Isolation digital überwinden?

Bei Krebs gehören Chemotherapien meist zu den wirksamsten Maßnahmen auf dem Weg der Genesung. Doch die dabei erforderliche Kontaktreduzierung bis hin zur vollständigen Isolierung ist eine schmerzhafte Erfahrung – besonders für junge Menschen. Zwar ermöglichen Smartphones und andere mobile Geräte stundenlange Kontakte ohne große Kosten und im Corona-Lockdown etablierten sich Formen virtuellen Unterrichts. Doch wenn alle im Klassenzimmer sitzen, gibt es für die Teilhabe eines Kindes in Isolation bisher nur rudimentäre Angebote.

Ein Avatar-Projekt an der Schule für Kranke München an der Kinderklinik Schwabing zeigt, wie es anders gehen könnte. Im Juli bekam dafür die an Krebs erkrankte Schülerin Magdalena den ersten kleinen Roboter vom Typ AV1 plus Tablet von der Stiftung Immunonkologie eines Pharma­unternehmens überreicht. Dieter Reiter, Münchens Oberbürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender der München Klinik, war persönlich beim Start dieses spannenden Projekts dabei.

Avatar-Übergabe in der Schule der München Klinik
Schülerin Magdalena mit OB Reiter, der Mathematiklehrerin der Schule für Kranke und dem Avatar fürs Klassenzimmer. Quelle: Michael Nagy/Presseamt München.
Inzwischen gibt es zwei weitere dieser Roboter im Krankenhaus und Schulleiterin Angelika Moosburger freut sich sehr darüber:

Wir werden jetzt erleben, ob die erhoffte Wirkung tatsächlich eintritt. Wenn ja, können wir uns gut vorstellen, dauerhaft einen Pool mit solchen Avataren zu etablieren.

Wie der Avatar (Tele-)Präsenz herstellt

Der Begriff Telepräsenz steht für „aus der Ferne anwesend sein“. Im Rahmen des Projekts wird der kleine „Telepräsenz-Avatar“ dazu im Klassenzimmer auf einer Schulbank platziert. Von dort kann er den Präsenzunterricht über eine eingebaute Kamera und ein Mikrofon verfolgen. Über eine integrierte 4G-Sim-Karte kann er online von einem Tablet oder einem größeren Smartphone per App gesteuert werden. Dank eines Motors auf der Unterseite lässt er sich um 360 Grad drehen. Ein Motor im Nacken kann den Kopf bewegen.

Das Kind am Empfangsgerät steuert den Avatar über eine App. Es kann dem Unterricht so nicht nur folgen, sondern aktiv mitmachen. Denn die Lehrkraft kann sich über den Roboter an das Kind dahinter wenden und Fragen stellen. Seine Stimme wird über den integrierten Lautsprecher übertragen. Wenn es sich melden will, lässt es Lichter am Kopf des Roboters blinken. Seine aktuelle Stimmung kann es über vier verschiedene Augenformen mitteilen: neutral, glücklich, fragend und traurig.

Avatar mit glücklichen Augen
Der Avatar AV1, Quelle: No Isolation.

Per Avatar nicht nur im Klassenzimmer

Und dabei muss es nicht bleiben. In einem neunminütigen Video am Anfang der Sendung mit der Maus am 7. März 2021 erzählt eine jugendliche Nutzerin, dass sie so auch auf privaten Unternehmungen dabei sein kann.

Im Beitrag des SWR wird berichtet, dass der Avatar und damit der erkrankte abwesende Schüler ganz selbstverständlich in Gruppenarbeit und Pausen integriert sei. Am Anfang sei das komisch gewesen, sagt der „Avatar-Partner“ des Jungen. Doch nach zwei Tagen sei man daran gewöhnt gewesen. Die Lehrerin freut sich, dass nicht nur Schulstoff vermittelt wird, sondern auch die sozialen Kontakte wieder hergestellt sind. Die Mutter äußert sich erleichtert, dass sie die Rolle als Lehrerin und Lernpartnerin wieder abgeben konnte.

Der Avatar auf dem Tisch einer Lerngruppe
Mittendrin statt isoliert im Krankenzimmer. Quelle: No Isolation, Estera-K.-Johnsrud.

Mehr Information zum Datenschutz und zu weiteren Avatar-Projekten

Um den Datenschutz zu gewährleisten sind Screenshots und Aufnahmen der übertragenen Inhalte ausdrücklich verboten. Der Live-Stream ist Ende-zu-Ende verschlüsselt und es gibt keinerlei Aufzeichnungen im Hintergrund. Für die Klasse und die Lehrkräfte ist deutlich sichtbar, ob der Avatar online ist, so dass Überraschungen ausbleiben.

Hilfestellung zu solchen Datenschutz-Themen, Informationen zu weiteren Avatar-Projekten, Hintergründe zur Entwicklung des Avatars, Links auf Presseberichte sowie weitere Videos bekommt man vom Hersteller No Isolation, einem norwegischen Unternehmen mit Zweigstelle in München.

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Elisabeth Wagner -
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