15. Juli 2020

Homeschooling – Digitale Schule in München während und nach Corona


Kategorie: Events


Ein Gastbeitrag von:
Benjamin Wimmer - Benjamin Wimmer
Anlässlich des diesjährigen Digitaltags hatte die Landeshauptstadt ein vielseitiges Programm an virtuellen Diskussionsformaten auf die Beine gestellt. Es ging um die Digitalisierung aber auch verschiedene Herausforderungen der Corona-Pandemie. Nicht verwunderlich also, dass eine Session dem Thema „Digitale Schule während und nach Corona“ gewidmet war. Benjamin Wimmer hat an der Session teilgenommen und gibt ein Überblick über die Diskussion und wichtigsten Standpunkte zum Homeschooling:

 

Digitalisierung im Feuerwehrmodus

Schon vor Corona war uns eigentlich klar: Digitalisierung geht uns alle an. Sie durchdringt unseren Alltag im Beruflichen wie auch im Privaten. Und sie bestimmt zunehmend auch den Lernort „Schule“, wo zur Schaffung einer zeitgemäßen Bildungsumgebung sinnvolle Digitalisierung auf Grundlage einer durchdachten Strategie oberste Priorität hat.

Das Referat für Bildung und Sport der Landeshauptstadt München hatte sich genau dies zur Aufgabe gemacht. Doch dann kam Corona und versetzte durch die Schließungen die Akteure des Schulsystems unter Handlungsdruck. Die ursprünglich mit Bedacht geplanten Digitalisierungsschritte mussten nun im Feuerwehrmodus angegangen werden.

Technische Voraussetzungen für Homeschooling sind da – aber noch lange nicht perfekt

Gleich mehrere Persönlichkeiten hatte Christiane Langenwalder vom IT-Referat, die Moderatorin der Session zum Thema Schule, am diesjährigen Münchner Digitaltag zu Gast. Alle haben aus unterschiedlichsten Perspektiven mit dem Thema Digitale Schule beziehungsweise Homeschooling in München zu tun.

Den Anfang machte Martin Janke, Vorsitzender der Geschäftsführung der LHM Services GmbH, und seit Mitte 2018 zuständig für die IT-Ausstattung von Schulen. Es seien turbulente Wochen gewesen, in denen man eine zentrale Onlineplattform auf die Beine gestellt und über 100.000 Microsoft „Teams for Education“ Accounts für die Münchner Schülerinnen und Schüler angelegt habe. So ist kurzfristig eine Möglichkeit für gemeinsamen Fernunterricht geschaffen worden, die auch den aktuellen datenschutzrechtlichen Anforderungen genüge:

Die Plattform ist in Betrieb, und die Accounts sind angelegt, aber es ist aktuell weder perfekt noch wirklich „eingerüttelt“. Das muss jetzt in der Zusammenarbeit aller Beteiligter Schritt für Schritt geschehen.

Aktuell ist Microsoft Teams an etwas mehr als 200 Schulen im Rahmen des Homeschoolings im Einsatz. Allerdings hätten Eltern teilweise noch Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes. Die muss man natürlich ernst nehmen, denn ohne die Eltern ist eine digitale Schule nicht möglich.

Elternhaus entscheidend für erfolgreiches Homeschooling

Dr. Franziska Frost, Leitende Strategin für Digitale Bildung beim Referat für Bildung und Sport der Landeshauptstadt, lobt die Arbeit der LHM Services GmbH. Homeschooling an den Münchner Schulen habe trotz der Eile sehr gut funktioniert. Auch weil die Schulen, insbesondere Berufsschulen, hinsichtlich ihrer IT-Ausstattung vorab gut aufgestellt gewesen seien. Darauf konnte man aufbauen. Dennoch hängt es deutlich vom jeweiligen Elternhaus ab, wie erfolgreich Homeschooling funktioniert: 

Trotz all dieser Maßnahmen ist uns klar, dass nicht jede und jeder gleichermaßen mitgenommen werden kann, da die individuellen, insbesondere technischen Voraussetzungen zu Hause doch sehr unterschiedlich sind. Es nützt der beste digitale Unterricht nichts, wenn eben dieses Setting zu Hause nicht stimmt. Und man hat als Lehrerin oder Lehrer nur einen sehr begrenzten Einfluss auf diese Voraussetzung.

Survival-Guide für (plötzliche) eTeacher

Eine weitere wichtige Maßnahme, so Dr. Frost, sei die Plattform medienbildung-muenchen.de mit Unterlagen, Leitfäden sowie Beratung zu verschiedenen Konferenztools für Lehrende. Damit hat die Landeshauptstadt München eine zentrale Plattform geschaffen, auf der nicht nur umfassendes Material für die Gestaltung von digitalem Lehren und Lernen bereitgestellt wird, sondern auch Fortbildungen des Pädagogischen Instituts angeboten werden. Ein Großteil der Medien kann zudem für den Unterricht ausgeliehen werden, um das digitale Klassenzimmer erfolgreich zu gestalten.

Screenshot des Hauptmenüs der Informationsplattform medienbildung-muenchen.de

Das Angebot für Lehrerinnen und Lehrer auf medienbildung-muenchen.de

Wieviel digitales Klassenzimmer bleibt, wenn Corona geht?

Die zweite Hälfte der Diskussion bestimmte die Frage danach, wie viele der aktuell eingeführten digitalen Unterrichtsformen auch nach Corona bleiben werden, um den Schülerinnen und Schülern ein bestmögliches Lernumfeld zu schaffen.

Die digitale Infrastruktur im Schulbereich sollte so zuverlässig sein, wie das Wasser, das bei uns aus dem Hahn kommt. Aber der Kulturwandel ist ebenso wichtig. Er muss aktiv begleitet werden.

ist Sarah Nike Makeschin überzeugt. Sie berät die LHM Services GmbH als Expertin für Innovation und digitale Transformation mit Fokus auf die pädagogische Sicht. Sie plädiert für eine konsequent ganzheitliche Sicht auf das Thema. Zeitgemäße Bildung kombiniert Präsenzlernen und Homeschooling auf eine sinnvolle Weise.

Dabei muss die technologische Seite des Themas zwar zuverlässig bereitgestellt sein, darf aber niemals zum Selbstzweck werden. Technik muss immer verknüpft sein mit der pädagogischen Dimension. Blind auf irgendwelche Kooperation-Tools zu vertrauen, reicht nicht.

Die Rückmeldungen der Lehrenden machen allerdings optimistisch, dass das digitale Lehren und Lernen auch weiterhin Bestand haben wird. Nach einigen Wochen kommt bei Vielen das Gefühl auf, dass Homeschooling so etwas ist, wie ein „anderes Klassenzimmer‘. Viele Lehrende erkennen das Potenzial, jetzt wo sie sich „reingefuchst“ haben. Beatrix Zurek, Referentin Landeshauptstadt München und Stadtschulrätin München, ist ebenfalls optimistisch, was ihre Prognose einer neuen, digitaleren Schule nach Corona anbelangt:

Es wird ein Dauerprozess werden, die neuen digitalen Mittel und Wege in den Schulalltag zu integrieren. Wir müssen aber keine Sorge haben, dass wir in althergebrachte Praxis zurückfallen. Die meisten Lehrenden haben „Blut geleckt“. Nicht nur die Frage der (Medien-)Pädagogik, sondern auch der Umgang miteinander hat sich verändert. 

Schulen als ganzheitliche Lernorte 

Prof. Dr. Kristina Reiss, Dekanin der TUM School of Education und Leiterin der Pisa-Studien in Deutschland ist da verhaltener optimistisch:

Wir sind noch nicht da, wo wir eigentlich hinwollen. Wir werden zwar sicher nicht zu dem zurückkommen, was wir hatten und sind empfindsamer geworden, dass es Veränderung bedarf. Aber wir sind noch weit entfernt von Selbstverständlichkeit.

Prof. Dr. Reiss weist auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin: Lernen geschieht primär im Austausch, das heißt, die Interaktion mit anderen Menschen ist beim Lernerfolg ausschlaggebend. Es macht daher eben doch einen großen Unterschied, ob man Lernmaterial persönlich anbietet oder über E-Learning. Im Homeschooling ist es viel schwieriger, direkt konstruktive Rückmeldung zu geben.

Daher müssen die und der Einzelne sowie die persönlichen Bedürfnisse der Lernenden im Mittelpunkt stehen, sodass die Lehrkraft konkrete und individuelle Rückmeldung und Entwicklungsimpulse geben kann. Zudem lernen wir nicht nur im Austausch mit der Lehrerin oder dem Lehrer, sondern mit und von allen in der Lernsituation. Das funktioniert ebenso wenig in überfüllten Klassenräumen wie in großen digitalen Unterrichts-Konferenzen. Auch das Alter der Schülerin oder des Schülers ist ausschlaggebend für den Erfolg verschiedener Lernkonzepte. Je jünger, umso mehr persönliche und individuelle Betreuung wird benötigt, um Lerninhalte wirklich begreifen, verstehen und vor allem auch übertragen zu können.

Für den Lernerfolg ist es zudem entscheidend, dass die Lehrkraft nicht ständig wechselt, damit Sympathie und Vertrauen auf beiden Seiten aufgebaut werden kann. Scham vor Rückfragen oder Fehlern ist kontraproduktiv. Diese Aspekte muss jede Lernform – ob Homeschooling, Präsenzlernen oder eine Mischung – immer berücksichtigen.

Geräte für alle und IT-Infrastruktur auf Industrieniveau – ambitionierte Ziele für Homeschooling in München

Martin Jahnke nahm zum Schluss die Metapher der zuverlässig wie ein Wasserhahn funktionierenden IT für Schulen wieder auf. Technische Probleme, die es jetzt noch gäbe, sollen bald keine Rolle mehr spielen, sodass sich Lehrende und Lernende voll auf ihre jeweilige Kernaufgabe konzentrieren können. Man kenne das bereits aus der Industrie. Dort muss IT einfach funktionieren. Mit diesem Anspruch gehe man das Thema in den Schulen ebenfalls an. 

Es wird Geräte für Schülerinnen und Schüler und für Lehrkräfte geben. Man nimmt diese mit nach Hause und kann so freier agieren. Und damit spielen dann auch die finanziellen Möglichkeiten des elterlichen Haushalts für eine Teilhabe der Kinder am digitalen Lernen keine Rolle mehr. Das neue Modell soll noch im Herbst 2020 pilotiert werden:

Wir stehen in den Startlöchern. Die Einführung ist im zweiten Quartal 2021 geplant. Schneller geht es auf Grundlage der IT-Struktur nicht, denn auch die muss komplett neu gebaut werden. Da sind wir jetzt dran. 

1 Kommentar
  1. Das es die Stadt Mümnchen geschafft hat, in dieser kurzen Zeit so viele unterschiedliche digitale Möglichkeiten zu schaffen, finde ich echt super.
    Leider reicht es im Bereich der Bildung nicht aus, nur die technische Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Aus meiner Sicht müssen jetzt dringend alle Lehrkräfte dazu in die Lage versetzt werden, diese digitalen Möglichkeiten optimal zu nutzen. Gleichzeitig muss für alle Schulformen in Bayern ein einheitliches Konzept für die Nutzung von homeschooling erstellt werden.

    Es kann nicht sein, dass wenige Schulen die Möglichkeiten des homeschooling sehr gut nutzen und andere Schulen Teams zum verteilen von völlig überholten eingescannten abfotogrfierten Lernblättern nutzen.

    Zusätzlich muss das Thema „Umgang mit digitalen Medien“ sofort in den Lehrplan für alle Schulformen aufgenommen werden.

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