20. Januar 2020

Wie „Kiwi“ bei der korrekten Zeicheneingabe unterstützt


Kategorie: Service

Ein Beitrag von:
Lisa Zech

Gast-Autor:
Roland Werner, - IT-Architekt E- und Open Government Roland Werner,
IT-Architekt E- und Open Government

Vor kurzem haben wir bereits über das Projekt Unicode berichtet. Ziel ist es, beim Datenaustausch mit anderen Behörden sowie der Bürgerschaft und Wirtschaft die korrekten Zeichen zu verwenden – und zwar für alle europäischen Sprachen. Aber wie sollen die Beschäftigten mit den rund 900 Zeichen in der Praxis richtig umgehen? Roland Werner erklärt die Lösung im Gastbeitrag: Kiwi!

Neben den Buchstaben des lateinischen Alphabets, findet sich auf einer normalen deutschen Tastatur nur ein Bruchteil aller nötigen Zeichen. Lediglich die deutschen Umlaute sowie eine überschaubare Menge an Sonderzeichen sind vorhanden. Selbst das übliche @ oder € ist nur über eine Tastenkombination erreichbar.

Aber wie sollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung Zeichen, wie ø, ǧ oder gar ð oder ǫ eintippen? Insbesondere wenn Bürgerinnen oder Bürger, mit diesem Zeichen im Namen, beispielsweise persönlich eine Geburtsurkunde oder einen Führerschein beantragen. Gemeint ist die Verwendung von Unicode in der Praxis.

Deutsche Standard-Tastatur

Unicode-Zeicheneingabe

Für diese Art der Zeicheneingabe gibt es in gängigen Betriebssystemen bereits eingebaute Dienste. Bei Windows ist dies die „Zeichentabelle“, bei Linux gibt es beispielsweise KCharSelect, wenn man die Desktop-Umgebung KDE nutzt. Tatsächlich lassen sich hier nicht nur die vom IT-Planungsrat vorgeschriebenen rund 900 Zeichen erreichen, sondern ein Großteil des Unicode-Standards. Dieser umfasst in der aktuellen Version mehr als 137.000 Zeichen.

Auch im Internet finden sich Dienste, die den Zugriff auf einen großen Teil der Unicode-Zeichen ermöglichen. Da das unweigerlich komplex wird, werden die Zeichen meist nach bestimmten Kriterien strukturiert und sortiert. Das hilft aber oft nur, wenn man weiß, in welcher Sprache oder Schriftfamilie das gesuchte Zeichen zu finden ist.

Der Stadt München ist es wichtig, dass sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mit allen über 137.000 Zeichen befassen müssen, sondern nur mit den genannten 900. Denn ein anderes Zeichen zu verwenden, ist sogar problematisch. Beispielsweise ist der Eintrag später eventuell nicht mehr auffindbar, weil unbekannt ist, welche Schreibweise verwendet wurde. Außerdem kann es, nach der Übertragung per Schnittstelle, auch zu Problemen in anderen Systemen kommen, für die die verwendbaren Zeichen sogar gesetzlich festgelegt sind. Solche Systeme gibt es beispielsweise im Meldewesen.

Die Lösung heißt Kiwi

Aus diesen Gründen hat sich die Stadt München dazu entschieden, selbst eine Anwendung für die Zeicheneingabe zu entwickeln. Diese stellt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eben nur die in der Norm enthaltenen Zeichen zur Verfügung. Darüber hinaus ist es dadurch deutlich einfacher, das Richtige zu finden.

Und da man mit dieser Anwendung kinderleicht Wortbestandteile integrieren kann, wurde die Anwendung kurzerhand Kiwi getauft. Dass das dabei noch der Name eines putzigen neuseeländischen Vogels ist, der sich noch dazu gut als Logo eignet, war natürlich reiner Zufall!

Logo der Anwendung Kiwi, Quelle: RIT

Und so funktioniert’s

Wenn Angestellte der Verwaltung beispielsweise den Namen einer Bürgerin oder eines Bürgers mit einem Zeichen eingeben, über welches die deutsche Tastatur nicht verfügt, tippen sie stattdessen das sogenannte „Basiszeichen“ ein und starten die Suchfunktion. Das Basiszeichen kommt dem benötigten Buchstaben möglichst nahe.

Kiwi zeigt nun alle Unicode-Zeichen an, die dem Basiszeichen ähnlich sehen. Bei einem „o“ ist das zum Beispiel „ø“ oder auch „ǫ“. Zu einem „g“ findet man unter anderem das „ǧ“. Die Liste der Vorschläge ist dabei meist überschaubar kurz: Nie mehr als 1-2 Zeilen. So werden schnell und effektiv die richtigen Buchstaben gefunden.

Und der Clou: Zeichen, die mehreren Basiszeichen ähnlich sehen, erscheinen einfach bei der Eingabe aller dieser Basiszeichen. So ist das „ǫ“ nicht nur beim „o“ zu finden, sondern auch beim „q“!

Einblick in die Anwendung „Kiwi“, Quelle: RIT

Einfach im Browser nutzen

Kiwi ist in Form einer Webanwendung realisiert, die bei der Stadt München auf einem eigenen Server betrieben wird. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rufen diese Anwendung einfach über den Browser auf. Eine Installation entfällt für den Endanwender komplett und es funktioniert auf allen gängigen Betriebssystemen. So ist die Anwendung zur Zeicheneingabe sofort auf tausenden städtischen PCs verfügbar – egal ob Linux oder Windows.

Die Übertragung in die jeweilige Fachanwendung erfolgt mittels Copy-Paste. Technisch ist Kiwi komplett als moderne JavaScript-Oberfläche realisiert und funktioniert, einmal im Browser aufgerufen, auch komplett ohne Internetanbindung.

Open-Source für Jedermann

Kiwi löst ein Problem, vor dem nicht nur die Landeshauptstadt München stand, sondern alle Behörden und öffentlichen Einrichtungen in Deutschland. Auch für den Privatgebrauch kommt Kiwi durchaus in Frage. Allerdings muss es zunächst auf einem Server oder zu Testzwecken auf dem eigenem Laptop oder PC eingerichtet werden.

Eine schnelle und effektive Digitalisierung erfordert Zusammenarbeit, das hat die Stadt München zuletzt mit ihrem Kooperationsvertrag mit Augsburg und Nürnberg deutlich gemacht. So hat die Landeshauptstadt beschlossen, den Kiwi für jedermann „Open Source“ frei zugänglich zu machen. Nicht nur andere Behörden können sich die Anwendung zur Zeicheneingabe nun hier aus dem Github-Account von it@M herunterladen. Dort findet sich auch eine Anleitung, wie man Kiwi auf dem Server oder testweise auf dem eigenen Laptop installiert.

Sie kennen das Problem?

Nutzen Sie Kiwi! Wir freuen uns, wenn diese Lösung auch an vielen anderen Stellen zum Einsatz kommt.

Teilen Sie uns auch gerne Ihr Feedback oder Verbesserungsvorschläge über die Kommentarfunktion mit.

Roland Werner:
IT-Architekt bei it@M für E- und Open Government, ePayment, Custom Development und Anwendungs-Security

Nach mehreren Jahren in einem international agierenden Beratungsunternehmen zog es mich 2011 wieder in meine Heimatstadt München, für die ich mich nun auch beruflich engagieren wollte. Sehr gefreut hat es mich deshalb, dass ich seit 2013 das E- und Open Government Projekt der Landeshauptstadt mit aufbauen durfte und wesentlich die IT-Architektur diverser Basiskomponenten ausgestaltet habe. Schön, dass diese auch nach außen für die Bürgerschaft und Unternehmen unserer schönen Stadt wirken. Meine praktische Tätigkeit als IT-Architekt konnte ich kürzlich auch mit einer iSAQB-advanced-level Zertifizierung reimplementieren sowie im Anwendungs-Security-Bereich mit der T.P.S.S.E. Zertifizierung.

Kommentare(5)

  1. „Ihr Kommentar wartet auf Modertaion.“

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    Antworten
    • Sehr geehrter Herr Oertel,
      danke für den freundlichen Hinweis. Durch ein Update von WordPress kam es zu einem Überschreiben der Übersetzungsdatei. Das haben wir bemerkt gehabt und waren bereits dabei, das Problem zu beheben. Das scheint uns auch gerade gelungen zu sein. Viele Grüße, Stefan Döring

      Antworten
  2. Danke für den Link. Habe gerad mal etwas damit gespielt. Geht eigentlich ganz gut.
    In meinem Fall, wenn ich rumänische Namen eingeben möchte, benutze ich unter Libreoffice die Sonderzeicheneingabe. Da man dort auf die zuletzt benutzten Glyphen des jeweiligen Schriftyps zugreifen kann, ist dies auch praktikabel.

    Antworten
  3. Wäre ein Link zu einem Http Server zum Ausprobieren nicht sinnvoll? Ein Build und Installation lokal scheinen mir nicht sehr trivial.

    Antworten
    • Hallo Herr Oertel,

      vielen Dank für Ihr Interesse! Sie haben ganz recht – der Build und die Installation von Kiwi sind nicht trivial.
      Damit Sie die Anwendung trotzdem ausprobieren können, haben wir sie deshalb nun hier als Demo-Version hinterlegt:

      https://it-at-m.github.io/KiwiDemo/

      Dies ist kein offizieller Service der Stadt München, aber zum Ausprobieren trotzdem gut geeignet. Für eine professionelle Nutzung empfehlen wir jedoch eine Installation auf einem eigenen, dedizierten Server.

      Viele Grüße,
      Roland Werner

      Antworten

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