12. Dezember 2019

Digitalisierung für und mit den Menschen! Das war der Open Government Tag 2019


Kategorie: Events

Ein Beitrag von:

Dr. Stefan Döring
Dr. Stefan Döring

Co-Autoren­schaft:
Asli Solak, - Mitarbeiterin Eventmanagement, IT-Referat Asli Solak,
Mitarbeiterin Eventmanagement, IT-Referat
Neue Technologien, stetige Veränderungen sowie rasant steigende Geschwindigkeit sind in der Digitalisierung längst Alltag geworden. Gerade deshalb ist es wichtig, eine funktionierende Verbindung zwischen Mensch und Technik zu schaffen. Der Open Government Tag 2019 hat den Menschen in den Mittelpunkt gestellt:

Digitalisierung wirkt

250 Interessierte aus Bürgerschaft, Verwaltung, Forschung und Wirtschaft kamen am 28. November zusammen, um sich unter dem Motto „Mensch statt Technik – Wenn Digitalisierung wirkt“ auszutauschen und neue Impulse zu sammeln. Zentrale Frage war, was die Digitalisierung mit den Menschen macht. Hilft sie uns? Wollen wir Digitalisierung tatsächlich in allen Lebensbereichen? Wie nehmen wir die Menschen mit?

Sieben Expertinnen und Experten gaben Einblicke, wie Digitalisierung wirkt: in der Gesellschaft, in der Arbeitswelt und auch ganz persönlich. Weitere Themen waren die erfolgreiche Integration von Innovationen in Organisationen und eine zielgruppenorientierte Behördenkommunikation, um die Menschen tatsächlich zu erreichen.

Die verschiedenen Perspektiven der Digitalisierung wurden teilweise kontrovers diskutiert. Dennoch bestand Einigkeit darüber:

Der Mensch steht im Mittelpunkt!

Digitalisierung muss Nutzen bringen

Stadträtin Anne Hübner (@AnnieMuc) stellte in ihrer Begrüßung zum Open Government Tag 2019 klar: Ja, es ist auch in der Politik angekommen, dass sich etwas ändern muss! Die Herausforderung besteht nun darin, Verwaltung, Bürgerschaft und Politik zusammen zu bringen. Nur wenn die Interessen aller in die Entscheidungsfindung einfließen, ist eine erfolgreiche Digitalisierung möglich.

IT-Referent und CDO Thomas Bönig (@ThomasBoenig) ergänzte, dass die Digitalisierung keinen Selbstzweck bedient. Ziel ist es, dass es den Menschen damit besser geht. Dafür sind Transparenz und Partizipation entscheidend.

Bönig ist es darum wichtig, die bereits vorhandenen digitalen Lösungen der Stadtverwaltung besser zu vermarkten und Bürgerinnen und Bürgern stärker einzubinden. Er rief dazu auf, sich an den Social Media Kanälen der Verwaltung und auf muenchen.digital zu beteiligen, lud zu unseren Veranstaltungen ein und gab auch einen Einblick in den kommenden Digitalisierungsradar.

Digitale Schnittstellen

Professor Nassehi (@ArminNassehi) macht mit diesem Satz deutlich, dass wir immer noch am Anfang des Wandels stehen. In seiner Keynote nahm er einen soziologischen Blickwinkel ein und griff das Motto des Open Government Tag 2019 auf: Mensch und Technik dürfen nicht als Gegensätze verstanden werden. Technik wird von Menschen gemacht und genutzt. Beide sind heute eng miteinander verbunden.

Es stellt sich aber die Frage, ob der Mensch nicht bereits zu stark abhängig ist, von dieser Technik. Laut Nassehi fällt die Antwort darauf schwer, denn wir sind uns der Abhängigkeit oft gar nicht bewusst. Denn solange Technik funktioniert, macht sich diese auch nicht bemerkbar.

Wir sind inzwischen an einem Punkt, an dem technisch sehr viel möglich ist. Vor der Implementierung neuer Technologien bedarf es aber der Antwort auf die Fragen, welches Problem man damit eigentlich beheben möchte. Nur so können Technologien gezielt zum Nutzen der Menschen eingesetzt werden. Und wir vermeiden, Bereiche des Lebens zu digitalisieren, in denen dies überhaupt nicht nötig ist.

Kommunizieren statt Plakatieren

Kommunikationsexperte Martin Fuchs (@wahl_beobachter) befasste sich in seinem Vortrag mit der Kommunikation von Organisationen. Gleich zu Beginn räumte er mit einem weit verbreiteten Vorurteil auf. Denn es ist längst nicht mehr so, dass nur junge Menschen über digitale Kanäle erreichbar sind. Auch 60 Prozent der über 55-Jährigen nutzen das Internet als Nachrichtenquelle.

Fuchs kritisiert, dass sich Behörden regelmäßig für EINEN Kanal entscheiden, weil dieser gerade vermeintlich hip ist. Eine gut funktionierende Social Media Strategie darf sich aber nicht an Kanälen, sondern an den verschiedenen Zielgruppen orientieren.

Es geht darum, die Zielgruppe am richtigen Ort zur Community werden zu lassen: beteiligen, nachfragen, Hilfestellung geben, lustig sein und sich auch einmal entschuldigen, wenn es nötig ist. Hilfreiche und authentische Inhalte sind viel wichtiger als der eigene Account. Die richtigen Social Media Manager haben daher ein vertieftes Verständnis für die Netzkultur und die dort üblichen Codes – und sind selber ein Teil davon.

Eine ganz besondere Zusammenfassung des Open Government Tag 2019 zauberte Heike Haas (@heike_haas). Ihr Grafik Recording öffnet im neuen Tab, um Details besser ansehen zu können:

Netzwerk der digitalen Städte beim Treffen in Freiburg
Netzwerk der digitalen Städte beim Treffen in Freiburg
Netzwerk der digitalen Städte beim Treffen in Freiburg

Macht „Digital“ krank?

Einen Blick auf den Zusammenhang von Digitalisierung und Gesundheit gab Professor Nürnberg (@profnuernberg). Gerade weil durch Dienst-Smartphone und Homeoffice Privat- und Arbeitsleben immer mehr verschwimmen, ist die Gesundheit der Beschäftigten ein wertvolles Gut.

Allerdings sollte nicht wahllos in jede Maßnahme investiert werden und schon gar nicht in die gleichen Maßnahmen „für alle“. Je nach Bereich, Unternehmen oder auch Persönlichkeit haben Beschäftigte unterschiedliche Wünsche und Anforderungen. Zu beachten ist dabei insbesondere der Datenschutz. Denn Gesundheitsdaten sind sehr sensibel und greifen in unsere Privatsphäre ein.

Nürnberg fasste seinen launigen Input auf dem Open Government Tag 2019 mit dem Hinweis zusammen, dass Arbeit an sich nicht das Problem ist, sondern ein Teil der Lösung – wenn Mitarbeiter einbezogen werden und ihnen Wertschätzung entgegen gebracht wird:

„Der Kunde ist König“, ist Unsinn.

Der Mitarbeiter ist König. Wenn man sich gut um seine Mitarbeiter kümmert, kümmern die sich gut um die Kunden.

Digitalisierung als Experiment

Im Rahmen der Digitalisierung ist es unerlässlich, neue Wege zu gehen und alte Arbeitsweisen hinter sich zu lassen. Professor Kozica (@MaartenFloriaan) stellte dazu die Ergebnisse des Projektes DigiTrain 4.0 vor. Hier wurde wissenschaftlich erforscht, welche Schritte und Maßnahmen die digitale Transformation in Organisationen erfolgreich machen.

Neben der Theorie gab Frank Böhringer (@FraBoeh) von der AOK Baden-Würtemberg einen Einblick in die Praxis. Seine Erkenntnis ist, dass wir uns trotz Ungewissheit, über das was kommt, auf Veränderung einstellen müssen. Jetzt anzufangen, auch wenn das einen Sprung ins kalte Wasser bedeutet. Es gilt: Neues lernen, Ausprobieren, Fehler machen dürfen und vor allem Loslassen.

Mut ist elementar, um den Wandel zu meistern. In diesem Zusammenhang stellte Böhringer die Experimentierräume der AOK Baden-Württemberg vor. Hier werden neue Lösungsansätze erarbeitet, die in der bestehenden Organisation die Grenzen überschreiten würden. Beispielsweise wird getestet, ob die 4-Tage-Woche und das Arbeiten ohne Führungskraft nicht mindestens genauso effektiv sind, wie althergebrachte Arbeitsmodelle.

Um Theorien und Praxis zu verbinden, wurde ein Spiel entwickelt. An diesem können Organisationen lernen, die Digitalisierung erfolgreich zu meistern.

Umfrage zum Stand der Digitalisierung

Wir haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Stand der Digitalisierung in ihrer Organisation gefragt. Die nicht repräsentative Umfrage brachte einige Überraschungen:

 

  • So liegt der Digitalisierungsgrad aktuell eher im Mittelfeld. Gleiches Ergebnis hat die Information über Digitalisierung in der Organisation. Deutlich Luft nach oben gibt es bei der Kundenkommunikation.
  • Knapp ein Drittel der Befragten fühlt sich zunehmend gestresst – trotz oder gerade wegen der Digitalisierung. In 10 Prozent der Organisationen gibt es keine Digitalisierungsstrategie, weitere 35 Prozent halten diese für nicht weitgehend genug.
  • Letztlich bestätigen viele der Befragten, dass ein Kulturwandel angestoßen wurde. Gleichzeitig sehen 45 Prozent aber auch, dass sich in der Realität noch zu wenig getan hat.
  • Dies bestätigen auch die freien Wortmeldungen auf die Frage, was die größten Hindernisse bei der Digitalisierung sind: Es wird zu viel geredet und zu wenig getan. Silodenken, starre Hierarchien und Kompetenzgerangel werden ebenfalls genannt.
Netzwerk der digitalen Städte beim Treffen in Freiburg
Netzwerk der digitalen Städte beim Treffen in Freiburg
Netzwerk der digitalen Städte beim Treffen in Freiburg
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Gemeinsam an Innovationen arbeiten

Der Kunde wünscht Online-Services.

Nach 3 Jahren gibt es eine Lösung der Behörde, die keiner nutzt. Wir müssen viel früher und öfter mit den Kunden zusammenarbeiten!

Robin Heilig (@Robin_Heilig) von der Stadt Wien machte mit dieser Aussage zwei Dinge deutlich: Zum einen müssen sich Organisationen bei der Digitalisierung viel öfter und immer wieder in Frage stellen. Zweitens steht der Mensch – ob nun Beschäftigte oder Bürgerschaft – im Zentrum des Handelns. Nur wenn sie von Anfang an in die Planung einbezogen werden und auch Mut vorhanden ist, alte Strukturen aufzubrechen, werden Digitalisierungsprojekte erfolgreich.

Heilig ist überzeugt, dass die Bürgerschaft von der Verwaltung nicht erwartet, dass sie wie Amazon und andere digitale Plattformen agieren. Aber erwartet wird schon, dass die Behörden den analogen Stand 1.0 verlassen und digitaler werden. Eindrucksvoll zeigt er, wie die Stadt Wien einen Innovationsprozess etabliert hat und was die Ergebnisse sind.

Social Innovation – neue Technologien für eine integrierte Gesellschaft

Zum Abschluss machte Kristina Siepmann deutlich, wie wichtig es ist, die Gesellschaft als Ganzes zu sehen und nicht nur das Individuum zu betrachten. Sie wies damit auf ein Thema bei der Digitalisierung hin, das noch viel zu wenig Beachtung erfährt: Inklusion.

Die Digitalisierung kann Barrieren zwischen Menschen verringern und Brücken bauen. Die Technik soll daher genutzt werden, um Chancengleichheit zu fördern. Sie kann helfen, benachteiligten Menschen mehr Unabhängigkeit und Selbstständigkeit zu schenken.

Siepmann motivierte dazu, gemeinsam an Lösungen für Alle zu arbeiten. Wichtig ist dabei, weniger in rein technologische und mehr in soziale Innovationen zu investieren. Selber macht Siepmann den ersten Schritt mit der Gründung des Start-ups Voisionary, welches die täglichen Barrieren von sehbehinderten Menschen durch intelligente Sprachlösungen abbauen will.

Grafik Recording, Sketchnote, Tweets und Videos

Neben dem Grafik Recording von Heike Haas (www.waschatelier.de) überraschte uns eine Teilnehmerin mit einer weiteren Sketchnote vom Open Government Tag 2019. Herzlichen Dank dafür an @KleinerW4hnsinn.

Viele Fragen und Diskussionen fanden auf dem Marktplatz des Open Government Tag 2019 statt. Zahlreiche Stände aus Verwaltung, Forschung und Wirtschaft gaben spannende Einblicke. Mit dabei waren die Berufsfeuerwehr oder auch die Kolleginnen und Kollegen der Digitalisierungsstrategie Münchens.

Videos der freigegebenen Vorträge sind auf unserem Youtube-Kanal zu finden.

Die Foliensätze der Referentin und Referenten liegen auf unserer Datenaustauschplattform.

Die Kontaktliste der Vortragenden sowie der Teilnehmenden, die uns ihre Freigabe gegeben haben, finden Sie auf dieser passwortgeschützten Seite. Das Kennwort haben Sie von uns per E-Mail bekommen.

Weitere Berichte über den Open Government Tag 2019 gibt es auf den Blogs von Elvira Steppacher, vom bayerischen Städtetag und von Ute Nitschke.

Graphic Recording, Quelle: @KleinerW4hnsinn

Sketchnote zum OGTM19, Quelle: @KleinerW4hnsinn

Neben den zahlreichen Gesprächen und der regen Beteiligung ist der Open Government Tag erneut eine der wenigen Veranstaltungen der öffentlichen Verwaltung, die mit dem Hashtag #OGTM19 Trendstatus erreichte.

Twitterreport zum Open Government Tag 19, Tool: www.tweetbinder.com
Twitterreport zum Open Government Tag 19, Tool: www.tweetbinder.com

Einige Impressionen des Open Government Tages 2019 finden Sie in unserer Galerie:

Save the Date

Nach dem Open Government Tag 2019 arbeiten wir natürlich weiter an der digitalen Zukunft Münchens: Seien Sie dabei bei unseren nächsten Events!

Über die Einladung und die Möglichkeit zur Anmeldung informieren wir wie immer hier auf muenchen.digital. Natürlich freuen wir uns jederzeit über Kommentare und Feedback.

Ein großes Dankeschön geht an dieser Stelle an alle Helferinnen und Helfer, ohne die die Veranstaltung nicht möglich gewesen wäre.

Kommentare(2)
  1. Sehr geehrte Damen und Herren,
    ein sehr guter Artikel – vielen Dank dafür!
    „Der Kunde ist König“ ist wirklich überholt, dabei müssen die „neuen Könige“. die Mitarbeiter*Innen (MA) sich aber auch immer bewusst sein, dass der Kunde immer noch das Gehalt der MA bezahlt. Daher Digitalisierung immer mit „Anwenderblick“, d.h. was bringt den Bürger*Innen wirklich Mehrwert (z.B. weniger Wartezeiten, Online-Bearbeitung, Chat-Bots für Auskunft, aktuelle Baustellenübersicht, etc..). Die Veranstaltung und die Präsentierenden scheinen sich dessen bewusst zu sein. Spannend wird es, dies auch in der Realität umzusetzen. Gutes Gelingen! AO

    Antworten
  2. Sehr geehrte Damen und Herren,

    schade, dass ich an dieser Veranstaltung nicht teilnehmen konnte. Da ist Vieles angesprochen worden, dass ich nicht nur interessant, sondern ganz besonders wichtig finde, um Digitalisierung gelingend ins Leben zu bringen. Es ist uns allen klar, dass neue Wege gefunden und gegangen werden müssen. Der Beitrag „Digitalisierung als Experiment“ spricht von Mut, Neues lernen, Ausprobieren, Loslassen und sogar Fehler sind erlaubt. Das ist doch einfach genial, etwas auszuprobieren und auch noch Fehler machen zu dürfen….. Und da ist noch etwas , dass mich überraschte: „Der Kunde ist König“, ist Unsinn. Der Mitarbeiter ist König. Wenn man sich gut um seine Mitarbeiter kümmert, kümmern die sich gut um die Kunden.“ Das spricht mir sehr aus dem Herzen.
    Die vielen Beiträge und Aussagen der Referenten tragen dazu bei – so denke ich – , dass der große Begriff der „Digitalisierung seinen Schrecken verliert, Raum für Akzeptanz und damit auch Mut zum Handeln schafft.
    Gutes Gelingen wünscht B. Reichlmeier

    Antworten

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