17. Juli 2020

Heißes Eisen auf dem Digitaltag: Bleiben Senioren bei der Digitalisierung auf der Strecke?


Kategorie: Events


Ein Gastbeitrag von:
Elisabeth Wagner - Elisabeth Wagner

Das Internet gehört inzwischen zum Leben wie Strom und Wasser. Für die ältere Generation stimmt dieser Satz oft nicht. Viele fühlen sich abgehängt und sind es auch. Gleichzeitig machte während der Corona-Krise der teils dramatische Mangel an Kontakt und Teilhabe die digitalen Kanäle wertvoller denn je. Beim Münchner Digitaltag tauschten sich vier Expertinnen genau darüber aus und gaben wertvolle Impulse für mögliche Verbesserungen. Unsere Autorin Elisabeth Wagner war dabei und berichtet:

Noch viele Lücken und große Hürden

Gleich zu Beginn der Online-Session „Senioren und Digitalisierung“ beim Münchner Digitaltag stellte Moderatorin Simone Fasse die Frage nach der heutigen Situation. Die Antworten waren alarmierend: Zwar sind immer mehr Menschen im Rentenalter mit Computern und Smartphones vertraut. Es gibt allerdings auch einen großen Anteil, der weder die Ausstattung, noch die Kenntnisse hat, mit digitalen Tools umzugehen.

Starten die Betroffenen dennoch einen Versuch mit den digitalen Tools zu arbeiten, kann das ein frustrierendes Erlebnis werden. Jutta Harrer, ehemalige Seniorenreferentin in Erding und Teilnehmerin im dortigen digitalen Aktiv-Treff, berichtet:

Mal abgesehen von der neuen Technik: Oft kann man die Schrift kaum lesen und weiß nicht, wie man sie größer stellt. Ständig springen einem Hinweise und Fragen entgegen, die man nicht versteht. Cookies, Tracking, Pop-ups, Push-Nachrichten … Was ist das? Dazu die Unsicherheit, was mit den Daten passiert, und die Angst, etwas falsch zu machen.

Dr. Ingrid Seyfarth-Metzger vom Vorstand des Münchner Seniorenbeirats pflichtete ihr bei und sprach von „unglaublichen Barrieren“. Durch Begriffe, die man nicht versteht, sinkt auch das Interesse sich damit auseinander zu setzen. Dieses Problem würde sich bei einer zunehmenden Gruppe von älteren Menschen mit Migrationshintergrund weiter verschärfen. Auch die scheinbar einfach zu bedienenden Geräte wie Tablets und Smartphones erleben die Einsteigerinnen und Einsteigern durchaus anders.

Was also ist zu tun und von wem, damit die älteren Generationen nicht abgehängt werden?

Am besten: eins zu eins

Laut Dr. Ingrid Seyfarth-Metzger unternehmen der Seniorenbeirat und auch die Seniorenzentren vieles, um die Menschen zu ermutigen und zu unterstützen. Im Seniorenheim damit erst anzufangen, das sei schwierig. Doch es gehe auch darum, dass jene, die schon einiges wissen, auf dem Laufenden bleiben. Dafür braucht es vielfältige und niederschwellige Angebote.

Am besten ist es, wenn jemand direkt bei der Anwendung unterstützt. Genau so ein Angebot stellte Kirsten Salzer-Wilkie, die Leiterin der Münchner Seniorenbörse vor. Die Einrichtung bietet seit drei Jahren jeden Dienstagnachmittag individuelle Laptop-Sprechstunden an. Mit großem Erfolg:

Da kommen viele über 80jährige mit ihrem Laptop unterm Arm vorbei. Sie wollen Dinge lernen, die sie unmittelbar anwenden können, wie E-Mails schreiben, skypen, Fotos bearbeiten.

Aktiv-Treff online und digitale Schnitzeljagd

Aus Erding waren gleich zwei spannende Projekte mit dabei. So berichtete Jutta Harrer vom digitalen Aktiv-Treff, einem Angebot mit Online-Vorträgen und Videokonferenzen. Der Teilnehmerkreis sei hier bislang überschaubar, was sie auf die heterogene Situation zurückführte:

Während es älteren Seniorinnen und Senioren oft an der Technik mangelt, fühlen sich Jüngere von einem solchen Treffpunkt weniger angesprochen. Aber die Teilnehmenden sind gerne dabei und durch die Corona-Isolation wurde das Angebot umso wertvoller.

Von Corona erst mal ausgebremst, wurde ein anderes, eher ungewöhnliches Projekt, das Medientrainerin Katja Bröckl-Bergner vorstellte. Für das katholische Bildungswerk in Erding hatte sie das intergenerative Konzept einer digitalen Schnitzeljagd mitentwickelt. Idee ist, dass die Älteren diese Jagd gemeinsam mit ihren Enkeln machen. Die erste Tour wurde vom Projektseminar eines örtlichen Gymnasiums organisiert. Mehr Informationen und Videos über den Spaß mit den „Senioren auf digitalen Pfaden“ gibt es unter wissendurstig.de, dem Internetportal der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen.

Mehr Engagement für Seniorinnen und Senioren

Doch diese schönen Beispiele konnten natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Handlungsbedarf besteht. So berichtete Katja Bröckl-Bergner von wenig Resonanz auf ihre Forderung, dass alle Anbieter digitaler Lösungen mehr Verantwortung für Seniorinnen und Senioren übernehmen sollten:

Banken, Krankenkassen, Verlage, Verkehrsbetriebe, Kommunen… Es kann nicht sein, dass sie einfach Apps anbieten und ihre Schalter reduzieren. Da muss schon noch mehr kommen.

Mehrere Chat-Kommentare während des Online-Events gingen in die gleiche Richtung und auch Dr. Ingrid Seyfarth-Metzger pflichtete ihr bei. Der Seniorenbeirat wolle sich ebenfalls noch stärker bei Parteien und Institutionen dafür einsetzen, bessere Möglichkeiten der Teilhabe zu schaffen.

Was motiviert Seniorinnen und Senioren?

Was macht Seniorinnen und Senioren digital am meisten Spaß und was würden sie für den Einstieg empfehlen? Diese abschließende Frage von Moderatorin Simone Fasse führte zu einem Feuerwerk an positiven Beispielen:

  • Über E-Mail und Skype mit Kindern und Enkeln in Kontakt bleiben, auch im Ausland.
  • Bilder bearbeiten und teilen.
  • Austausch über Gruppen-Chats.
  • Themen recherchieren, etwa Reiseziele eruieren.
  • Termine online reservieren und nicht mehr ewig herumsitzen.

So wurde am Ende dieser Veranstaltung zum Digitaltag noch einmal klar: Seniorinnen und Senioren und die Digitalisierung – das ist ein wichtiges, dringendes und wertschöpfendes Thema.

Ein Aspekt, den auch die Stadtverwaltung auf ihrem Weg in die digitale Zukunft stark thematisiert. So sind Schulungs- und Bildungsangebote zum grundlegenden Erlernen digitaler Fähigkeiten – insbesondere für Seniorinnen und Senioren – Teil der Digitalisierungsstrategie. Veranstaltungen wie das Münchner BarCamp #mucgov bieten zudem die Möglichkeit, Fragen zu stellen und analog mehr über den digitalen Wandel zu erfahren. Letztlich versuchen wir auf muenchen.digital Begriffe der IT in unserer Serie #ExplainIT leicht verständlich zu erklären.

Kommentare(3)
  1. Ein extrem wichtiges Thema, auch wir fordern seit Jahren das es überall kostenfreie digitale Bildungsangebote geben muss, da die Wirtschaft, die Behören und viele andere Organe vieles nur noch digital zur Verfügung stellen. Aber nicht nur Bildungsangebote sondern es muss auch Hardware und IT Infrastruktur zur Verfügung gestellt werden um eine digitale Spaltung von Arm und Reich zu verhindern. Corona hat gezeigt was es bedeutet wenn z.B. Altenheime kein WLAN und keine Technik für Kontaktaufnahmen bereits stellen können, wenn altersarme aber auch alle anderen armen Menschen zuhause kein WLAN haben und so im Lockdown von allen digitalen Angeboten ausgeschlossen waren.
    Wir haben viele Eklär Videos für Smartphone Einsteiger gedreht und sie kostenfrei online gestellt. leider erreichen wir so nicht die totalen digitalen Einsteiger. So hoffen wir das wir bald wieder auch analog kostenfrei schulen können. https://www.youtube.com/channel/UCBnZUbp9T2fBIEg3udKKCBQ

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    • Tolle Ergänzung, liebe Frau Hirche. Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg für Ihre Initiative!

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  2. vielen Dank, dass das wichtige Thema am Digitaltag aufgegriffen wurde – weiter so!

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