Digitale Teilhabe: Digitalisierung als persönlicher Befreiungsschlag

24. Januar 2022
Ein Beitrag von Stephanie Mirlach

Sich im Netz frei zu bewegen, Sichtbarkeit für Betroffene schaffen, aber auch mal nicht als Mensch mit Behinderung wahrgenommen zu werden: So erlebt Dr. Veronika Maier die Vorzüge der Digitalisierung. Veronika bezeichnet sich selbst als Digital Native und macht seit vielen Jahren in den sozialen Medien über ihre Situation als Rollstuhlfahrerin aufmerksam. Im Gespräch mit Stephanie Mirlach nimmt uns Veronika mit in ihren Alltag und zeigt, wie wichtig es ist, den digitalen Fortschritt weiter voranzutreiben.

Teilhabe, Freiheit und Eigenständigkeit durch digitalen Fortschritt

Hallo Veronika. Vor zwei Jahren hast Du mit einem Aufruf in den Sozialen Medien um Unterstützung für die Genehmigung Deines Rollstuhls gebeten. Möchtest Du uns mehr darüber erzählen?

Hallo Stephanie, sehr gerne! Im Jahr 2019 ist mein Rollstuhl kaputtgegangen und es gab Schwierigkeiten bei der Genehmigung durch die Versicherung. Ich gehörte zu den ersten Digital Natives und nutzte die Sozialen Medien, um über meine verzweifelte Situation aufmerksam zu machen. Über Nacht explodierten die positiven Zuschriften an mich und eine Petition wurde gestartet. Ich habe zahlreiche Presseanfragen bekommen und ein Netzwerk aus vielen Menschen in ähnlicher Situation entstand.

Mein neuer Rollstuhl wurde zudem genehmigt. Die Aktion war für mich ein Befreiungsschlag und ich konnte anderen Menschen Mut machen, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Was bedeutet Digitalisierung für Dich?

Durch den digitalen Fortschritt kann ich komplett eigenständig agieren, im Netz soziale Kontakte knüpfen und meine Geschichte erzählen. Wobei ich trotzdem auch eine gewisse Anonymität genieße und eben nicht sofort über meine Behinderung sprechen muss. Die Digitalisierung ist für mich auch ein absolutes Kampfmittel, um mich für meine Rechte und die Gleichgesinnter stark machen zu können.

Mir ist es persönlich wichtig, auch als junge Frau mit Behinderung sichtbar zu sein. Ich bin vor allem auf Instagram und Facebook aktiv. Gerade dort möchte ich Mut machen, dass man sein Handicap auch zeigen darf, sich nicht schämen muss. Ganz im Gegenteil darf man eben nicht nur mit perfektem Körper sichtbar sein. Ich zeige, was trotz Behinderung möglich ist und wo natürlich auch für mich reale Barrieren bestehen, die ich nicht verharmlose, sondern aktiv darauf hinweise. Die Kommentare und Mitteilungen bestätigen mir, dass ich hier eine Inspiration für andere sein kann.

Portraifoto Veronika Maier

Dr. Veronika Maier

Für mich bedeutet Digitalisierung eine persönliche Freiheit, die ich in der realen Welt nicht haben könnte.

In den sozialen Medien sichtbar zu sein bedeutet natürlich auch eine gewisse Angreifbarkeit. Wie erlebst Du das?

Klar, es ist auch anstrengend. Zum Glück sind die Kommentare zu meinen Posts überwiegend positiv.

Aber natürlich erhalte ich auch negative Zuschriften und zum Teil auch beleidigende Nachrichten. Denen stelle ich mich, wie im wahren Leben auch. Mein Fazit: Es überwiegt das positive Feedback.

Beruf, Freizeit und Teilhabe

Du bist trotz Pandemie voll im Arbeitsleben. Wie gestaltet sich Dein Alltag?

Im Alltag schätze ich vor allem die Möglichkeit, von Zuhause aus zu arbeiten. Dafür bin ich meinem Arbeitgeber wahnsinnig dankbar. Tatsächlich hat das aber erst mit der Pandemie so richtig angefangen. Trotz der Herausforderung durch die Corona-Situation und die eigene Sorge vor einer Erkrankung, war der Digitalisierungsschub ein großer Segen für mich.

Um in die Arbeit zu kommen, muss ich nicht mehr lange auf einen Bus warten, der mich dann mal endlich mitnehmen kann. Hier in meiner behindertengerecht eingerichteten Wohnung ist alles auf mich abgestimmt und das erleichtert mir auch das Arbeiten. So sehr mir reale Begegnungen auch wichtig sind, ich bin trotz allem immer noch auf einen gewissen Schutz angewiesen, den ich nur in meinen eigenen vier Wänden habe.

Ich wünsche mir, dass ein Mindestmaß an Homeoffice dauerhaft erhalten werden kann. Ohne das analoge Leben vernachlässigen zu müssen, kann auch das Leben in der digitalen Welt wunderbar parallel weiterlaufen.

Sind mit den zunehmenden Formen digitaler Kommunikation für Dich auch negative Aspekte verbunden?

Hybride und virtuelle Formate im privaten und beruflichen Umfeld finde ich prima. Viele meinen ja, dass Videokommunikation eine Kommunikation zweiter Klasse ist, aber das empfinde ich nicht so. Nach meinem Empfinden wird so viel gewarnt vor den negativen Folgen, aber die Chancen und Vorteile werden oft vergessen.

Was die Gefahren hinsichtlich Datenschutz, Belästigung und Bedrohung betrifft: Statt davor zu kapitulieren, müssen wir als Gesellschaft vielmehr überlegen, wie wir uns vor solchen negativen Dingen schützen können.

Wenn man nur noch in der digitalen Welt unterwegs ist, wie gestalten sich da persönliche Kontakte?

Für mich ist ein digitaler Kontakt mittlerweile normal. Klar, die Person ist nur am Bildschirm und das war anfangs noch etwas ungewohnt. Aber mit der Zeit überschreitet man den Punkt und ist froh, überhaupt Kontakte so einfach aufbauen und pflegen zu können.

Auch hier unterscheide ich zwischen persönlichen Chat-Räumen, die vertrauter sind und Kommentaren von Menschen, die sich wie ein Supermarkt-Gespräch anfühlen. Dennoch erlebe ich im Netz, dass viele noch Schwierigkeit haben, höfliche Umgangsformen zu beachten. Hier bräuchte es meiner Meinung nach viel mehr Bildungsangebote, am besten bereits im Schulunterricht.

Trotzdem sollten man sich nicht davon abhalten lassen, in den sozialen Medien sichtbar zu sein. Man darf Kommentare nicht mit einem persönlichen Kontakt, einem Zweierchat verwechseln. Wie im analogen Leben auch, muss jeder und jede selbst entscheiden, wie viel man öffentlich preisgeben will oder nicht. Mehr Information und Aufklärung können helfen, hier für sich den richtigen Weg zwischen Privatsphäre und Transparenz – auch im Internet – zu finden. Auch wie lange und oft man im Internet unterwegs ist, gehört letztlich zum Selbstmanagement.

Digitale Barrierefreiheit und Teilhabe

Was muss umgesetzt werden, um die digitale Teilhabe voranzutreiben?

Wir brauchen eine Mehrsprachigkeit, die ganz selbstverständlich angeboten wird. Damit meine ich zum Beispiel die leichte Sprache, konsequent untertitelte Videos, Bildbeschreibungen und Schulungen, die für das Thema digitale Barrierefreiheit sensibilisieren. Ohne eine gewisse Bildung geht keine digitale Teilhabe. So, dass sich alle in der digitalen Welt sicher fühlen und dort auch richtig verhalten.

Ich glaube, digitale Teilhabe bedeutet einfach, dass das Internet und alles, was damit zusammenhängt, für alle uneingeschränkt nutzbar ist.

Wie bereits erwähnt, gelten auch in den digitalen Räumen bestimmte Verhaltensregeln. Der Schutz im Netz gehört für mich dazu. Es muss sichergestellt werden, dass das Internet kein gefährlicher Ort ist. Es muss einfach für alle zugänglich gemacht werden.

Ich glaube, dass man das Meiste im Internet nur lernt, wenn man es mal benutzt. Entscheidend ist hierbei auch ein stabiler Empfang. München hat bereits viele Hotspots mit öffentlichem WLAN. Das ist ein wichtiger Punkt. Denn man muss erstmal irgendwie überhaupt “reinkommen”.

Abschließend, was wünscht Du Dir für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass wir die Schritte, die wir jetzt gezwungenermaßen in der Pandemie gemacht haben, nicht wieder zurückgehen. Wir brauchen jetzt den weiteren Ausbau des Digitalen, gerade auch was Teilhabe und Bildungsangebote angeht.

Von Institutionen wie der Stadtverwaltung wünsche ich mir natürlich, dass sie ihre digitalen Angebote immer stärker ausbauen. Freuen würde ich mich auch über mehr digitale Angebote im Kulturbereich: Theater, Diskussionsveranstaltungen, Lesungen, Konzerte oder Veranstaltungen im stadtpolitischen Bereich wie Bürgerversammlungen.

Sei #mITdabei

Auf unserem Blog porträtieren wir künftig regelmäßig inspirierende Persönlichkeiten mit ihrer Geschichte zu den Chancen der Digitalisierung im Alltag und vor allem der digitalen Teilhabe. Sie möchten Ihre Erfahrungen gerne mit uns teilen? Wir laden Sie herzlich ein, sich bei uns per E-Mail zu melden: bdr.rit@muenchen.de.

Über die Co-Autorin

Dr. Veronika Maier lebt in Riem bei München und ist studierte Psychologin, Theologin und Literaturwissenschaftlerin. Als junge Frau mit einer Mobilitätsbehinderung liegen ihr besonders die Sichtbarkeit und die Rechte von Frauen mit Behinderung am Herzen. Durch ihre Social Media Kanäle ist sie längst ein Vorbild und Inspirationsquelle geworden, selbstbestimmt und mutig den eigenen Weg zu beschreiten. Die Digitalisierung nutzt sie gezielt, um sozial und gesellschaftlich teilhaben zu können.

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Stephanie Mirlach - persönliche Mitarbeiterin des IT-Referenten und CDOs Thomas Bönig
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