13. Juni 2019

Wahlsimulation 2019 – Ein Blick hinter die Kulissen der IT


Kategorie: Digital

Ein Beitrag von:

Dr. Stefan Döring
Dr. Stefan Döring

Co-Autor:
Ulli Fabinski und Korbinian König
aus der IT des Kreis­verwaltungs­referates

Die Europawahl in einer Großstadt wie München ist ein Mega-Projekt für die Stadtverwaltung. Dieses wäre ohne die vielen, freiwilligen Wahlhelferinnen und Wahlhelfer nicht denkbar. Aber eine solche Wahl ohne IT-Unterstützung durchzuführen, ist ebenfalls kaum denkbar.

Schon die reinen Zahlen sind dahingehend beeindruckend und machen deutlich, dass es ohne IT nicht geht:

  • 928.090 Wahlberechtigte
  • in 945 Wahlbezirken
  • 607.187 Wähler
  • 296.883 ausgestellte Briefwahlunterlagen
  • eine Wahlbeteiligung von 65,4 Prozent, die zudem um 20 Prozentpunkte höher lag als noch 2014.

Neben den Tätigkeiten „im Vordergrund“ in den vielen Wahllokalen und bei der Briefwahlauszählung, gibt es viele Dinge, die am Tag der Wahl selbst, aber auch schon vorab passieren. Heute geben wir dazu einen Einblick in die Vorbereitungen der diesjährigen Wahlsimulation.

Wahlsimulation – Belastungstest für die IT

Zur Europawahl gab es etwas Besonders: Am 6. Mai fand eine Wahlsimulation mit etwa 1.000 Personen in der Messe München statt. Natürlich wurde hier nicht das Abstimmungsverhalten simuliert. Vielmehr wurde die unterstützende IT maximal belastet, um sicherzustellen, dass am Tag der Wahl alles glatt läuft.

Die Projektleiter aus dem Kreisverwaltungsreferat Ulli Fabinski und Korbinian König, die am Wahltag für den IT-Support zuständig waren, berichten über die Organisation und die Durchführung dieser Simulation.

Hallo Herr Fabinski, hallo Herr König, danke für das Interview. Am 6. Mai trafen sich knapp 1.000 städtische Beschäftigte in der Messehalle in München. Was war da los?

Ulli Fabinski: Hallo Herr Döring, ja, es waren sogar etwas über 1000 Kolleginnen und Kollegen – vorwiegend aus dem Kreisverwaltungsreferat, die in der Messehalle C5 in München-Riem zusammenkamen. Die Wahlsimulation begann am Nachmittag und dauerte zwei Stunden plus An- beziehungsweise Abreise.

Nach der Landtagswahl im Herbst 2018 und den dort aufgetretenen Problemen mit den Wahlkoffern, wurde entschieden, dass vor der nächsten Wahl ein großer Test gemacht wird. Ziel war, die Stabilität und die reibungsfreie Funktion der Koffer sowie die notwendige technische Infrastruktur im Hintergrund sicher zu stellen. Dazu haben wir möglichst reale Bedingungen und Größenordnungen gebraucht und nachgestellt. Das heißt, alle 944 Wahlkoffer wurden gleichzeitig bedient. Außerdem war unser Dienstleister it@M vor Ort, um die technische Infrastruktur im Auge zu behalten.

Ulli Fabinski und Korbinian König mit dem Wahlkoffer während der Wahlsimulation

Ulli Fabinski und Korbinian König mit dem Wahlkoffer während der Wahlsimulation

Warum haben Sie diesen Test organisiert?

Korbinian König: Wir sind am Wahltag für den Support zuständig – sowohl für die Wahlhelferinnen und Wahlhelfer, als auch für die Wählerinnen und Wähler. Während der flächendeckenden Ausfälle der Wahlkoffer zur Landtagswahl haben viele Wahlvorstände in den Wahllokalen versucht, unsere Hotline anzurufen. Dem Ansturm konnten wir nicht Herr werden. Insofern war diese Wahlsimulation für uns wichtig, um sicher gehen zu können, dass die Wahlkoffer zur Europawahl stabil laufen.

Die Organisation im Hintergrund der Wahlsimulation

Eine riesige Veranstaltung. Wie sah die Vorbereitung dafür aus und ist das nicht eher ein ungewöhnliches Vorgehen für den Test von Software?

Ulli Fabinski: (schmunzelt) Stimmt! Lasttests für die Wahllokalsoftware, die auf den Koffern läuft, hat es zwar gegeben. Wir wollten und mussten aber ganz sichergehen, dass diesmal nichts schief geht. Daher die Simulation im Realbetrieb. Gerade Menschen testen immer etwas anders als Testsoftware dies automatisiert tun kann. Dieser menschliche Faktor war uns wichtig.

Es klingt ja zunächst einfach: Messehalle anmieten, Kolleginnen und Kollegen hin- und wieder zurück fahren und ein Mal die Europawahl mit dem Wahlkoffer komplett testen. Doch so einfach war es dann doch nicht. Spannend waren in der Vorbereitung vor allem drei Dinge:

  • Wie schaffen wir es, alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer pünktlich zur Messe zu bringen?
  • Wie gelingt es, dass in der Messehalle 1.000 Menschen an einem Strang ziehen, wir nicht zu schnell oder zu langsam mit dem Test sind?
  • Alle müssen gleichzeitig die notwendigen Aktionen mit dem Wahlkoffer ausführen.

Korbinian König: Letztendlich waren es dann 26 Busse, die von den unterschiedlichen Standorten des Kreisverwaltungsreferates in Richtung Messe gefahren sind. Alle kamen pünktlich an der Messehalle an.

Funktionierende IT-Unterstützung als Motivation für Wahlhelferinnen und Wahlhelfer

Korbinian König: Natürlich haben wir einen großen Aufwand betrieben, der sicher auch nicht üblich ist. Gemessen an den möglichen Auswirkungen bei einem Nichtfunktionieren der Technik am Wahltag war die Simulation aber richtig und sinnvoll. Unsere Wahlhelferinnen und Wahlhelfer erwarten zu Recht einen funktionierenden Wahlkoffer. Denn der soll ja unterstützen und eine Hilfe sein! Auch war eine erfolgreiche Europawahl im Hinblick auf die im nächsten Jahr stattfindende komplizierte Kommunalwahl und die notwendige Akzeptanz wichtig.

Ulli Fabinski: Das ist ein entscheidender Punkt. Wir sind auf motivierte Wahlhelferinnen und Wahlhelfer angewiesen, die sich im Umgang mit dem Wahlkoffer sicher fühlen und ihn als Hilfe akzeptieren. Zur vergangenen Landtagswahl und auch zur Bundestagswahl gab es noch einige Kinderkrankheiten. Wir schulen alle unsere Schriftführerinnen und Schriftführer, die am Wahltag für das Übermitteln der Wahlergebnisse und das Erstellen der Niederschrift verantwortlich sind, im Umgang mit dem Wahlkoffer. Viele sind sehr angetan. Aber wir bekommen auch ehrliches Feedback, dass die Probleme nicht erneut auftreten dürfen, da sie sich ansonsten ihr ehrenamtliches Engagement als Wahlhelferin oder Wahlhelfer noch einmal überlegen. Ein ganz wichtiger Aspekt mit Blick auf die anstehende Kommunalwahl, zu der wir jede helfende Hand brauchen.

Wie lange hat denn die Vorbereitung der Simulation insgesamt gedauert?

Korbinian König: Die Vorbereitung der Simulation hat knapp vier Monate gedauert und in den letzten vier Wochen vor der Simulation richtig Fahrt aufgenommen. Alle Kolleginnen und Kollegen wurden von uns persönlich angeschrieben. Wir haben die Buskapazitäten und den personen- beziehungsweise sitzplatzgenauen Einsatz in der Messe koordiniert. Zwei Moderatoren erläuterten jeden einzelnen Schritt in der Messe „live“. Entscheidend für den Erfolg des Tests war, dass alle wichtigen Funktionen des Wahlkoffers wirklich gleichzeitig ausgeführt wurden. Gerade das Schließen der Wahllokale, was regelmäßig um 18 Uhr passiert, wurde exakt simultan getestet. Wir hatten das minutiöse Drehbuch und auch die Ansagen mehrfach vorab geprobt.

Messehalle während der Wahlsimulation

Kolleginnen und Kollegen während der Wahlsimulation

Leo Beck (rechts), Geschäftsleiter des Kreisverwaltungsreferates bei der Wahlsimulation

Erfolgreicher Test, positive Rückmeldungen

Wie waren die Reaktionen der Beschäftigten?

Ulli Fabinski: Einige waren skeptisch, viele haben sich aber auch auf das „Event“ gefreut. Natürlich hat es die 1000 Kolleginnen und Kollegen von ihrer eigentlichen Arbeit „abgehalten“. Wir haben aber im Vorfeld versucht, die Notwendigkeit zu kommunizieren und sind so auf eine breite Hilfsbereitschaft gestoßen.

Korbinian König: Nach der Simulation hat es fast ausschließlich positive Stimmen gegeben: „tolle Organisation“, „wir hätten gar nicht gedacht, dass das funktioniert.“ oder auch „für die Kommunalwahl melde ich mich als Wahlhelferin an“. Es war für viele ein „kleines“ Abenteuer und ein paar Tage vor der Wahlsimulation gab es nur noch dieses Thema. Sicher hat das auch zu einer positiven Wahrnehmung der Europawahl und zu einer Steigerung des „Wir-Gefühls“ beigetragen.

Lief der Test erfolgreich? Was haben Sie gelernt?

Ulli Fabinski: Der Test war sehr erfolgreich. Fast alle Wahlkoffer haben durchgehalten und ihre Ergebnisse am Ende des Tests elektronisch übermittelt. Was heißt das? Wir haben im Vorfeld für jede Testerin und jeden Tester individuelle Wahlergebnisse erzeugt und somit realistische Datenmengen produziert. So konnten wir gleichzeitig auch die Wahlpräsentation testen. Deshalb war es für uns so interessant, ob die Datenübermittlung durch die Wahlkoffer klappt.

Ein Problem bei der Landtagswahl war, dass die Wahlkoffer ständig eine LTE-Verbindung brauchten, um Daten speichern und übermitteln zu können. Dies wurde nun geändert. Die Wahlkoffer speichern die Daten auch ohne eine Verbindung. Dies ermöglicht ein Weiterarbeiten und gegebenenfalls auch Ausdrucken der beiden notwendigen Dokumente – Schnellmeldung und Niederschrift – am Wahltag. Diesen Test haben die Wahlkoffer sehr gut gemeistert. Auch das ist ein Punkt, der in dieser Größenordnung nur mit dieser Anzahl an „realen“ Testerinnen und Testern überprüft werden konnte. Automatisiert ist das schwierig.

Wir hatten am Ende der Simulation ein sehr gutes Gefühl. Die Anspannung und die Skepsis waren verflogen.

Nach der Wahl ist vor der Wahl

Wie ging es weiter?

Korbinian König: Wir haben die Ergebnisse der Wahlsimulation sehr genau ausgewertet. Ein paar wenige Fehler in den Statusmeldungen sind uns aufgefallen. So kamen Ergebnisse bei uns an, die richtig waren, die aber in unserem Monitoring fehlten. Die Fehler haben wir noch ausgemerzt und sind dann in die letzten Vorbereitungen zur Europawahl gestartet. Am 26. Mai war es dann soweit. 618 Wahlkoffer waren in Wahllokalen eingesetzt und 326 für die Auszählung der Briefwahl im MOC Veranstaltungscenter München.

Und die Ergebnisse des Tages waren super! Nur wenige Koffer hatten Probleme und über 99 Prozent der Ergebnisse sind elektronisch bei uns angekommen – so gut lief es noch nie. Wir hatten keine beziehungsweise nur sehr geringe Wartezeiten bei unserer Hotline. Dies lag zum einen am fast reibungslosen Ablauf, aber auch an einem erstmals eingesetzten Chatsystem. Die Wahlhelferinnen und Wahlhelfer konnten mit Hilfe des Wahlkoffers mit dem Wahlamt chatten. Auch das hat zu einer deutlichen Entlastung beigetragen und wurde sehr positiv bewertet.

Aber auch hier gilt, „nach der Wahl ist vor der Wahl“. Gerade starten wir mit den Vorbereitungen zur Kommunalwahl. Und auch dort werden wir unseren Wahlkoffer wieder einsetzen.

Ulli Fabinski: Wir hoffen, dass sich viele Wahlhelferinnen und Wahlhelfer anmelden – trotz der Komplexität und dem hohen Zeitaufwand für die Auszählung. Die Simulation hat geholfen, dass unser Wahlkoffer „rund läuft“ und tatsächlich eine Hilfe für alle ist: für unsere Wahlhelferinnen und Wahlhelfer „draußen“, vor allem aber auch für das Wahlamt und die Kolleginnen und Kollegen von der IT. Nur so können wir auf das bis 2017 notwendige Abschreiben aller Wahlniederschriften verzichten.

Wir sagen Danke an alle, die mitgeholfen haben!

Diesem Dank schließe ich mich an! Danke auch an Sie beide für den Blick hinter die Kulissen einer Wahlvorbereitung.

Wie geht Wahl?

Wer mehr darüber erfahren möchte, wie Wahl funktioniert, der kann sich auf der neuen Seite muenchenwaehlt.de der Fachstelle für Demokratie der Stadtverwaltung München informieren.

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